Wunderbare Weihnachtszeit

Ich musste die Zeit auf dem Kongress in Dresden nutzen, um den Projektantrag fertig zu schreiben. Mein Chef wollte außerdem, dass ich mich auf der Tagung sehen ließe. Annika, die mich begleitete, wollte das auch und musste sich daher tagsüber alleine in der Stadt vergnügen.

Während des Vortrags über die Wirkung eines neuen Antidepressivums machte ich mir Notizen zum Antrag. Ich kritzelte in den karierten Block, gestiftet vom Sponsor der Tagung — einer Pharmafirma, die davon lebt, dass Millionen gesunde Amerikaner Antidepressiva schlucken, um besser drauf zu kommen.

Nach dem Vortrag hackte ich im Foyer den Antragstext ins Notebook. Durch die Glasfront neben mir drang das spärliche Licht des waschgrauen Dezembertags. Ich gähnte und rieb mir die Augen. Fast wie ein depressiver Patient, der morgens vor Mattheit nicht aus dem Bett kommt. Wie sollte ich in dieser Verfassung Annika später unterhalten?

Immerhin wurde ich mit dem Antragstext fertig. Dem Sehenlassen war genüge getan, weil Hunderte den Stehtisch passierten, an dem ich ihn tippte.

Als wir abends aus der Straßenbahn stiegen, hingen Lianen von Lichterketten von C&A über H&M,  New Yorker usf. bis hinüber nach Karstadt. Annika lächelte mich erwartungsfroh an. Sie wollte unbedingt den Striezelmarkt sehen.

Am Rand des berühmten Marktes schraubte ein verspäteter Weihnachtsschmuckmontierer die letzten Sterne an; der Duft von ranzigem Frittieröl mischte sich unter den überwürzter Terrinen. Auf diesem Markt glänzte und blinkte alles noch greller als auf denen anderer deutscher Städte zur unstillen Zeit: Weihnachtskugeln in jeder Konfiguration, Lametterglitter und undefinierbares Klimbim, das gewichtsmäßig jeden handelsüblichen Weihnachtsbaum überfordern dürfte. Doch Annika mochte es wie die meisten Frauen. In ihren Augen spiegelte sich ein Holzmännchen mit Wok-förmiger Kopfbedeckung. Ihr zuliebe schwieg ich.

Drei Objekte ragten aus der Silhouette der immer gleichen Nippesstände heraus. Eine  überdimensionierte Holzpyramide — Originalhandwerkskunst aus dem Erzgebirge, wo sämtlicher Kitsch, der heute an Weihnachten nervt, aus purer Tristesse erfunden wurde. Sicher mit einem gigantischen Motor drin, den man allerdings wegen des sonstigen Lärms kaum hörte. Dann ein Nussknacker — groß genug, um einen Banktresor zu knacken. Zuletzt eine riesige Burg, die selbst Legoland zu Ehre gereicht hätte.

Vor uns wurde ein Rentner im Gewimmel gegen eine etwa fünfzigjährige Matrone mit weißem Fellmantel gedrückt. Der Saft aus ihrem Plastikbecher hinterließ einen tellergroßen roten Fleck. Die Frau stand da wie ein verwundeter Eisbär. „Gennse nisch guckn?“, wollte sie von dem Pensionisten wissen. Ihre Frage verlor sich in dem Lied über das rotnasige Rentier.

Ich zog die Mundwinkel hoch, um Annika nicht die Stimmung zu vergähnen. Vielleicht hätte ich auch die Pille des Tagungs-Sponsors einwerfen sollen.

„Dreißig Euro wollen die für einen Stollen, auf dem ‚Original’ draufsteht“, kommentierte sie am nächsten Stand. „Die haben doch einen Baum locker!“ Sogar sie schien inzwischen enttäuscht zu sein. Wir würden wohl stollenlos heimfahren; Stollen können auch in anderem Kontext Unglück bringen. An dem großen Christbaum vor uns baumelten kürbisgroße Goldtropfen herab. „Der Baum scheint zu weinen“, meinte ich. Annika lächelte gequält.

Sie bekam Hunger. Ich passierte mit meiner vegetarischen Freundin einen Brat- und Blutwurststand nach dem anderen. Vielleicht war ja ein Stand dabei, der fleischfreie Würste feilbot. Erstmal ließ sie sich mit einem zu Glühwein erwärmten Billigstfusel abspeisen. Um ihren Kiefer zu beschäftigen, küsste ich sie. Sie schmeckte klebrig.

„Lass uns ein bisschen herumlaufen, vielleicht finden wir ein nettes Lokal“, schlug sie vor.

Wir gelangten an das Residenzschloss. Ein Schild verkündete „Stallhofmarkt“, es zeigte Richtung Innenhof. „Wollen wir da mal hinschauen!?“ schlug Annika vor und zog mich bereits mit.

 

„Die Hölle ist ein Mittelaltermarkt", hatte ich mal irgendwo gelesen. Aber mir war inzwischen mehr nach echter Hölle als falschem Himmel. Hinter dickem Gemäuer und inmitten steiler Burgmauern klang es feurig und exotisch. Trommeln und Drehleiern schallten uns in die Glieder. Junge Menschen standen vor provisorisch zusammen genagelten Ständen, und Abgesandte aus dem Mittelalter priesen ihre Handwerkskunst an. „Das ist ja witzig“, meinte Annika und öffnet ihre ovalen Augen weiter als ich es je davor gesehen hatte.

An einem Stand mit historischen Speisen und Honigwein stimulierte ein betörender Geruchscocktail unsere Nasenhärchen. Der rauschbärtige Budenbetreiber überreichte Annika ein uriges Brot, gefüllt mit einer Art abendländischen Falafel. „Lasst es euch wohl schmecken, werte Dame“, sprach er, als würde er im Namen des Kurfürsten eine Delikatesse servieren. Ich nahm das Gleiche. Es schmeckte nach einer ausgedehnten Wanderung durch Wald und Wiese.

Wir tranken Met aus handgeschnitzten Echtholzhumpen wie früher die Burgbewohner. Annika sagte, ihr werde warm. Sie schlang mir ihren Schal um den Hals — das Zeichen der Gunst einer Dame für ihren Ritter.

Auf der Bühne daneben drehten sich vier Derwische in absurd beschleunigenden Rhythmen. Eine Frau, sie könnte die Brunhild aus dem Ring sein, sang dazu markergreifend auf Ungarisch. Wir tranken einen weiteren Met und gleich noch zwei hinterher. Neben der Bühne prosteten sich zwei junge Männer in einer öffentlichen Badewanne zu. Annika drehte sich entzückt im Kreis. Ich hob ihre Hand so hoch es ging, erhöhte ihre Drehfrequenz auf die der Magyaren-Combo. Sie schwankte, lachte, krallte sich an mir fest. Ich fuhr ihr durchs dunkelblonde Haar, schob meinen Arm unter ihren Mantel und streichelte ihren wundervollen Rücken. Im Schein all der Fackeln an den Burgmauern sah sie bezaubernder aus als je zuvor.

Ein Paar in einem halbbeleuchteten Eck lud uns ein, von seinem Gras zu kosten. In Düsseldorf undenkbar, wo wir herkommen. Wir inhalierten die kräftige Kräuterpackung. Annika wollte knutschen. Wir taten es minutenlang, die Umgebung nur mehr ein Meer aus Vibrationen und Düften. Sie schlang die Beine um meine Hüfte. Ich trat ein paar Schritte zurück, bis Annika an der Mauer lehnte, und kein Licht uns mehr erreichte. Unter ständigem Küssen öffneten wir uns die Hosenställe. Wie einst Magd und Knecht. Ich ließ sie hoch und runter gleiten, bis wir fast zeitgleich einen Brustlaut der Glückseligkeit ausstießen.

 

Wir lustwandelten zum Ausgang. Drei Meter große, farngrüne  Waldgeister schwankten auf Stelzen an uns vorbei. Wir schwebten gen Striezelmarkt. Annika in meinem Arm, ihre Wange auf meiner Schulter. Wir waren eins und brauchten keine Worte mehr. Das Meer der bunten Lichter nahm uns in sich auf.

Oben auf der Lego-Burg tanzten nun Gaukler, Fräuleins und Edelmänner eine Mischung aus Walzer und Cha-Cha-Cha. Der Nussknacker hob sachte die Rechte zum Gruße und zwinkerte uns vielwissend zu. Wir drehten uns mit der Pyramide und wurden langsam in den Himmel gehoben. Oben sah Annika mich beseelt an. Wir würden heiraten.

 

 

Zwar keine Futtergrippe, aber während und nach der Hochzeit gut: das Dresdner Frauenhaus.